Herbert Matter (1907–1984) revolutionierte ab den 1930er-Jahren das Schweizer Tourismusplakat, indem er als erster die Fotomontage konsequent als Gestaltungswerkzeug einsetzte und damit die visuelle Sprache des modernen Reiseplakats neu definierte. Was Matter damals im Auftrag des Schweizer Verkehrsbüros entwickelte, war kein gewöhnlicher Werbejob: Er verband dokumentarische Fotografie mit freier Bildkomposition zu etwas, das es so vorher nicht gab. Seine Plakate hingen nicht nur an Bahnhöfen, sondern auch an der Wand von Alexey Brodovitch, dem einflussreichsten Art Director Amerikas der 1950er-Jahre. Das zeigt, wie weit der Einfluss dieser Arbeiten reichte. Für alle, die verstehen wollen, wie visuelle Kultur zwischen Kunst und Kommerz navigiert, ist Matters Geschichte bis heute eine der relevantesten Fallstudien des 20. Jahrhunderts.
Herbert Matter und das Schweizer Tourismusplakat: Fotomontage als Designrevolution
Herbert Matter, 1907 im Schweizer Bergdorf Engelberg geboren, hat das Tourismusplakat der 1930er Jahre grundlegend verändert. Mit der Technik der Fotomontage erfand er das Schweizer Reiseplakat neu und schuf Bilder, die Dokumentation und kommerzielle Absicht so eng verwebten, dass man kaum noch sagen konnte, wo das eine aufhört und das andere anfängt.
Der Leitfakt: Fotografie als Designwerkzeug
Matter war kein reiner Poster-Illustrator. Er war Fotograf, Grafikdesigner und Filmemacher in einer Person. Laut seiner offiziellen Biografie experimentierte er mit der Rollei-Kamera als Designinstrument und expressives Ausdrucksmittel. Diese Doppelrolle der Kamera, als technisches Aufzeichnungsgerät und als gestalterisches Werkzeug zugleich, war für die damalige Zeit außergewöhnlich.
Die Plakate, die er für das Schweizer Tourismusbüro entwarf, kombinierten fotografische Realität mit grafischer Überhöhung. Berge, Skifahrer, Alpenpanoramen wurden nicht gemalt, sondern fotografiert und dann neu zusammengesetzt. Das Ergebnis hatte, so die Formulierung seiner Biografie, “die Schönheit und Intensität von Cassandre und die geometrische Perfektion von Corbusier” kombiniert mit einer unverwechselbar persönlichen Handschrift.
Alexey Brodovitch, einer der einflussreichsten Art Directors des 20. Jahrhunderts, sammelte diese Schweizer Reiseplakate. Zwei davon hingen in seinem Studio. Das sagt mehr über die Qualität dieser Arbeiten als jede Auszeichnung.
Zwischen Dokument und Inszenierung
Was Matters Arbeit so interessant macht, ist die Spannung, die sie aushält. Fotomontage war damals eine radikal neue Technik. Sie versprach Echtheit, weil sie auf Fotografien basiert, und schuf gleichzeitig Bilder, die nie so in der Realität existiert haben. Ein riesiges Gesicht vor einem Alpenpanorama, eine Hand, die eine Landschaft zu halten scheint, Skifahrer, die überlebensgroß über Ortsschilder springen.
Das war keine Dokumentation. Es war kommerziell motivierte Bildmanipulation, die sich das Vertrauen in die Fotografie zunutze machte. Und es funktionierte.
Die Galerie 1 2 3 beschreibt ihn schlicht so: “Er erfand das Schweizer Tourismusplakat der 1930er Jahre mit der Technik der Fotomontage neu.”
1952 wurde Matter an die Yale University berufen, als Professor für Fotografie und Grafikdesign. Die akademische Anerkennung kam also spät, aber sie kam.
4 praktische Denkanstöße für alle, die Vintage-Poster mögen
1. Fotomontage ist kein Makel, sondern Methode. Wer ein Vintage-Reiseposter kauft, kauft selten eine dokumentarische Aufnahme. Matters Werk zeigt, dass die Kombination aus Fotografie und Grafikdesign eine eigene künstlerische Kategorie ist. Der Blick auf klassische Reiseposter verändert sich, sobald man weiß, wie viel handwerkliche Entscheidung hinter scheinbar spontanen Bildern steckt.
2. Tourismusplakate sind zeitdokumente. Matters Schweizer Plakate aus den 1930ern zeigen, was eine Gesellschaft nach außen zeigen wollte. Nicht was war, sondern was sein sollte. Wer heute ein Retro-Reiseposter aufhängt, hängt sich einen gefilterten Blick auf eine Epoche an die Wand, kein neutrales Abbild.
3. Modernismus und Kommerz schließen sich nicht aus. Matter arbeitete für staatliche Tourismusbüros und beeinflusste damit den visuellen Auftritt ganzer Länder. Sein Stil war modern, seine Auftraggeber waren konservative Institutionen. Das zeigt: Gutes Design entsteht oft im Auftrag, nicht trotzdem, sondern genau deswegen. Wer Wert auf Gestaltungsqualität legt, findet diese Haltung auch in Bauhaus-Postern oder Vintage-Werbeplakaten widergespiegelt.
4. Format und Wirkung hängen zusammen. Matters Plakate waren groß, plakativ und für den öffentlichen Raum gemacht. Wer ähnliche Wirkung im Wohnraum sucht, sollte über Format nachdenken. Eine Leinwand im Vintage-Stil oder ein XXL-Poster entfaltet eine andere Energie als ein kleines Rahmenbild. Matter wusste das. Er hat die Größe als Gestaltungsmittel eingesetzt.
Quellen
- Biography – Herbert Matter® Official Site
- Herbert Matter posters – Selections – Galerie 1 2 3
- Anatomy of Logos | Herbert Matter (1907–1984) – Facebook
Häufige Fragen
Wer war Herbert Matter und warum gilt er als Pionier des Schweizer Tourismusplakats?
Herbert Matter wurde 1907 im Schweizer Bergdorf Engelberg geboren und wuchs dort mit einer der zwei bedeutendsten mittelalterlichen Grafiksammlungen Europas auf. Als Fotograf, Grafikdesigner und Filmemacher revolutionierte er in den 1930er Jahren das Schweizer Tourismusplakat, indem er die Technik der Fotomontage einsetzte. Seine Plakate für das Schweizer Verkehrsamt verbanden die Bildsprache von Cassandre mit der geometrischen Präzision eines Le Corbusier und einer ganz eigenen, unverwechselbaren Handschrift.
Was macht die Fotomontage-Technik von Herbert Matter so besonders?
Matter experimentierte mit der Rollei-Kamera als reinem Gestaltungswerkzeug und zugleich als expressivem Ausdrucksmittel. Er kombinierte dokumentarische, imaginative und manipulative Fotografie zu einem neuen Bildtypus, der für die damalige Zeit schlicht revolutionär war. Das Ergebnis waren Plakate, die gleichzeitig informierten und emotional packten. Journalistische Sachlichkeit und freie visuelle Erfindung liefen bei ihm in ein und demselben Bild zusammen.
Wie kam Herbert Matter in die USA und welche Rolle spielte Alexey Brodovitch dabei?
Ein Freund, der am Museum of Modern Art arbeitete, riet Matter, Alexey Brodovitch aufzusuchen. Brodovitch hatte Matters Schweizer Reiseplakate bereits gesammelt, zwei davon hingen an der Wand seines Studios. Diese Begegnung öffnete Matter die Tür zur amerikanischen Design- und Fotografieszene. Brodovitch gehörte damals zu den einflussreichsten Art Directors überhaupt, und sein Interesse an Matters Arbeit war kein zufälliger Türöffner, sondern ein klares Qualitätssignal.
Wann begann Herbert Matter als Hochschullehrer zu arbeiten und wo?
1952 wurde Matter von Eisenman eingeladen, als Professor für Fotografie und Grafikdesign an die Yale University zu wechseln. Yale war damals ein zentraler Ort für Designausbildung in den USA. Matter trug dort dazu bei, eine Generation von Gestalterinnen und Gestaltern zu prägen, die den amerikanischen Modernismus weiterentwickelten.
Steht Matters Werk eher für Dokumentation oder für kommerzielle Kommunikation?
Die Antwort ist: beides zugleich, und genau das ist der Witz daran. Matter lotete den Raum zwischen sachlicher Fotodokumentation und gezielter kommerzieller Bildmanipulation bewusst aus. Seine Tourismusplakate zeigten die Schweizer Bergwelt und ihre Menschen, aber immer durch die Linse eines Designers, der wusste, welche Botschaft ankommen sollte. Diese Spannung zwischen Authentizität und Inszenierung macht seine Arbeiten bis heute relevant.